Warum werden Menschen glorifiziert, die nicht sauber arbeiten?

Moderator aus München mit Krone wird glorifiziert

Die Visitenkarten druckfrisch auf dem Tisch. Die ersten Tage meiner Selbstständigkeit sind gezählt. Der Kaffeebecher halb voll. Nach meiner ersten Kaltakquise klingelt endlich das Telefon. Ich melde mich höchstprofessionell nach dem vierten Klingeln.

Je genauer wir uns selber kennen, desto weniger fallen wir auf Persönlichkeiten herein, die gesellschaftlich glorifiziert werden.

Ein angenehmer Nebeneffekt: Wir können mit diesen Charakteren auch leichter umgehen. Unsere Emotionen kochen nicht gleich über.

Wir lesen in der Biographie der Menschen, wie in einem Buch. Kapitel für Kapitel nähern wir uns den Wendepunkten des Lebenslaufs. Die spannendsten Geschichten, entschlüsseln wir erst, wenn wir uns erschöpfend mit unserer eigenen Biographie auseinandersetzen. Ich nenne es schlichtweg: Empathie für sich selber erlernen. Nur so nehmen wir bei unserem Gegenüber auch verborgene Gefühle war, die sich dem flüchtigen Betrachter nicht zeigen. Natürlich bedarf es auch einer stark ausgeprägten Sensibilität und eine geduldige Herangehensweise, um Zugang zu biographischen Geschichten zu bekommen.

Am anderen Ende der Leitung mein erster Auftrag. Ich soll als Glücksradmoderator von morgens um 9 bis abends um 8 die Kunden eines Möbeldiscounters unterhalten und der Aufbau ist morgens um Punkt 7 Uhr. Deutschlandweit. Mein Angebot, 300 EUR pro Tag. Der Kunde handelte mich schamlos auf 150 EUR am Tag runter. Was soll‘s, ich brauche den Auftrag. Ich muss eh mal wieder unter Leute.

Was hat ein gutes Gespür für Personen und Situationen mit der Glorifizierung von Menschen zu tun?

Ich behaupte, dass wir wahrnehmen, wenn jemand überhöht dargestellt wird, der nicht sauber handelt. Natürlich kommt es auch auf die Schwarmintelligenz an. Wie positionieren sich die Mitmenschen? Wie groß ist der Einfluss der glorifizierten Person? Wie wird diese Person in der Öffentlichkeit dargestellt, wie stellt sie sich selbst da? Diese und mehr Faktoren beeinflussen unser ausgeprägtes Gefühl für Diskrepanzen.

Wie kommt es dazu, dass wir auch Menschen überhöht darstellen, die nachweislich egozentrisch handeln.

Es gibt Unterschiede. Personenmarken, die oft genug durch die Medien flimmern. Deren Penetranz dazu führt, dass wir sie für wichtig erachten. Es gibt Personen, die sich verdient machen, da sie sich unermüdlich für eine Sache einsetzen. Die keine Konflikte scheuen, um ans Ziel zu kommen. Auch Sportler, die große Leistungen vollbringen. Die über die ganze Existenz ihres Vereins entscheiden, da sie zum Personenkult wurden. Uns bleibt meistens verborgen, wie es diese Menschen schaffen, diese Leistungen zu vollbringen. Was für einen Preis sie dafür zahlen. Manchmal wissen das die Angebeteten noch nicht einmal selber. Auch wenn wir sie konkret danach fragen.

Ich behaupte, dass Menschen, die nicht glorifiziert werden wollen, es oft nicht schaffen sich dagegen zu wehren. Beispielsweise ein Lebensretter, der mit einer Medaille ausgezeichnet wird.

Diejenigen, die unabsichtlich glorifiziert werden tragen schwer. Einige zerbrechen an diesem gesellschaftlichen Druck.

Egoisten zerbrechen nicht am gesellschaftlichem Druck.

Die Menschen, die es darauf anlegen, einen Personenkult aufzubauen, lieben das Scheinwerferlicht. Bekommen ihre Energie von Teammitgliedern, Mentoren und Beratern aus ihrem Umfeld. Alle getrieben nach Anerkennung. Handelt da jemand noch aus eigenem Antrieb. Nach seinen Idealen? Wahrscheinlich nicht. Ist das eine ehrliche saubere Art zu arbeiten? Wahrscheinlich nicht. Wer zahlt den Preis dafür? Das Team und oft auch die Gesellschaft. Vorerst! Denn auch die größten Champions sind eines Tages allein. Dann wird rückblickend klar, welchen Preis sie und auch wir für ihre Glorifizierung gezahlt haben.

Manchmal fällt man auch dem Egoismus der Gesellschaft zum Opfer. Ein hoher Preis. Ist man dann ein Held?

In meinem Beruf als Moderator und Kommunikationscoach habe ich mit vielen einflussreichen Menschen ganz unterschiedlicher Art zu tun. Bekomme tiefe Einblicke in Lebensläufe und Lebenswirklichkeiten. Die wirklich einflussreichen Menschen, wissen oft nicht von ihrer Macht. Sie engagieren sich einfach. Diejenigen, die wissen wieviel Einfluss sie haben, sind oft von Selbstzweifeln geprägt und tragen schwer. Diejenigen, die sich selber glorifizieren, wenn man das überhaupt kann, die haben ganz andere Probleme. Auch denen begegne ich respektvoll.

Fazit: Wir tun gut daran, Menschen nicht auf Podeste zu stellen.

Wir sollten Biographien studieren und uns freuen, wenn Menschen um uns herum Erfolg haben. Diejenigen, die nicht sauber arbeiten, sollten wir durchschauen und verstehen lernen. Nur so erkennen wir diese aus 100 Meter Entfernung und können einen großen Bogen um sie machen.

Während der Arbeit am Glücksrad in diesen Möbeldiscountern fühle ich mich wie auf einem anderen Planeten. Eine Atmosphäre aus Missgunst und Kontrolle umgibt mich. Unehrliche Unterhaltungen sind normal. Jeder ist auf sich bedacht und arbeitet für sich. Einmal habe ich einen Filialleiter kennengelernt. Der sagte: „Ich solle doch meine Dreckskarre draußen an die Straße stellen, um den Kunden nicht den Platz wegzunehmen.“ Mein Auto steht in der hintersten Ecke auf einem riesigen Parkplatz. Was für ein Machtspiel, denke ich mir. Ich erfahre natürlich nur von einem Kollegen aus dem Laden, dass es der Chef war, der mich bat meinen Wagen zur Seite zu stellen. Ich drehe selber so viel ich konnte am Glücksrad, aber die Tage werden immer länger und ich wurde immer mehr ein kleines Zahnrad im Getriebe dieses Möbelgiganten.

Um meinen ersten Kunden konnte ich keinen Bogen machen. Er zahlt erst nach 2-3 Mahnungen, mit Abzügen, es war nicht so gut wie erwartet. Wahrscheinlich stand mein Auto im Weg.

Falls Sie auch mal diesen Bogen nicht machen können, dann handeln Sie frei nach dem niederländischen Liedermacher Robert Long: „Morgen sind wir tolerant – wir reichen jedem Idioten die Hand.“

Ich möchte danke sagen an dieser Stelle, dass ich in meinem Leben nicht so oft am Glücksrad drehen muss, um Glück zu haben. Danke auch an meine ehrlich handelnden Kunden und Partner.

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