Wir müssen uns blamieren.

Kommunikationscoach und Moderator aus München Henning Harfst ist der Meinung, wir müssen uns blamieren
Wir müssen uns blamieren.

„Man kann Menschen nur vor den Kopf gucken“ ist eine Redensart, die wir sicher alle kennen. Meistens im Zusammenhang mit Fällen von unerklärlicher Boshaftigkeit verwendet, gepaart mit hilflosem Achselzucken. In den vielen Jahren, in denen ich als Moderator und Kommunikationscoach arbeite, erhalte ich häufig einen ungeschminkten Blick hinter die Kulissen und Einblicke in sehr intime Momente meiner Mitmenschen. Ob man möchte oder nicht. Ich gebe zu, ich bin kein Voyeur, der sich daran ergötzt, Menschen schutzlos zu erleben. Meine Scham bringt mich dazu, mich gelegentlich abzuwenden. Doch ich lerne sehr viel über mich, meine Vorurteile und meine Scham kennen, wenn ich genau hinschaue. Kurzum, es beruhigt mich auf der einen Seite, dass ich ähnlich ticke wie viele andere Menschen, aber es ist auch beängstigend zu sehen, wie schnell wir unser Gegenüber überschätzen und unsere eigenen Gedanken oder Einfälle zurücknehmen. Ja, uns nicht mitteilen, weil der andere uns mächtiger oder wissender erscheint. Wir denken: Manchmal zu Recht und manchmal denken wir im Nachhinein, hätten wir bloß etwas gesagt. Sie nicken mit dem Kopf?

Wir nehmen uns zurück, aus Schutz uns zu blamieren.

Mit hochrotem Kopf einzugestehen, dass wir etwas falsch verstanden haben oder schlicht nicht durchblicken. Durch diesen gesellschaftlichen Reflex entgehen uns viele gute Einfälle oder Einwände. Zudem tragen wir unsere Gedanken nicht zu einer Sache bei, die zum Reflektieren oder zur Diskussion anregen könnten. Strategisch oder aus Diplomatie ist ein sich Zurücknehmen durchaus angebracht, aber in anderen Situationen entziehen wir der Auseinandersetzung mit unserem Gesprächspartner jegliche Dynamik oder Vielseitigkeit. Auch extra eingerichtete kreative Runden, in denen bewusst versucht wird, eine Atmosphäre zu schaffen, in der alle etwas zu einem Thema beisteuern können, funktionieren nicht. Leise Mäuschen bleiben still und die Lauten preschen hervor. Mal nachgefragt: Wer initiiert denn diese Art von Gesprächsrunden? Die Lauten oder die Leisen?

Sind nun die Leisen weiterhin die Opfer?

Nein, beide sind es nicht. Die Leisen und die Lauten sind beide ungehörte Täter. Die Leisen nehmen sich aus vielfältigen Gründen zurück. Oft aus Gründen, die in der Biografie wirklich lange zurückliegen und die in der jetzigen Situation keinesfalls mehr zutreffen könnten. Sie haben erfahren, dass es nichts bringt etwas zu sagen. Ich werde eh nie verstanden oder gehört. Die Lauten verschaffen sich Gehör, denn Ihnen wurde oft nicht zugehört. Oder sie sind so von ihrer Idee angetan, dass sie schlichtweg nicht merken, dass sie immer lauter werden. Wer sind Sie? Ein lauter oder leiser Zeitgenosse? Was denken Sie über mich als Moderator? Die meisten liegen bei beiden Antworten falsch. Beim genauen Hinschauen sind die Leisen lauter als die Lauten. Gibt es generell laute oder leise Menschen?

Wir sollten lernen uns zu blamieren

Unsere Scham begleitet uns durchs Leben wie unser Herzschlag. Ich habe dieses Gefühl als etwas Angenehmes entdeckt, es zeigt mir, dass ich fühle. Klar, in vielen Fällen verbaut uns die Scham Chancen oder schwächt die Geistesgegenwart. Unangenehmer wird es jedoch für uns, wenn wir sie nicht mehr wahrnehmen, denn dann gewinnen andere Emotionen die Oberhand, die bei unseren Gesprächspartnern nicht so gut ankommen, wie Wut oder Stolz. Die Scham regt ein Gespräch an. Die Gesprächspartner beginnen sich zu zeigen und kommen sich näher. Die Auseinandersetzung bekommt eine Tiefe.

Vor wem blamieren wir uns?

Ich habe mich im Leben oft blamiert und darüber habe ich mich im Nachhinein geärgert und mich noch kleiner gemacht. Bis ich über die Blamage gesprochen habe. Denn sie hat nie die Dimensionen in der Außenwelt, wie sie uns in unserem Innern erscheint. Sprechen Sie mit anderen über Ihre Blamage. Wenn ich schon dran denke, schlägt mein Puls höher. Probieren Sie es aus.

Laut gesagtes ist nicht gleich klüger, nur, weil es laut ausgesprochen wurde.

Kluges sollte sowohl laut und auch leise wirksam sein. Im Gespräch mit klugen Menschen werden wir uns nie blamieren, denn sie werden uns nicht auf unsere Unwissenheit stoßen. Sie nutzen unsere Unwissenheit, um zu lernen. Das sollten wir auch tun. Wir sollten den Menschen zuhören, die uns etwas zu sagen haben, obwohl sie selber der Meinung sind, nichts zu dem speziellen Thema beitragen zu können. Probieren Sie es aus. Sprechen Sie mit Menschen, bei denen Sie der Meinung sind, der kann zu einem bestimmten Thema überhaupt nichts beisteuern. Sie werden überrascht sein. Und Sie werden überrascht sein, wie viel Sie zu Ihnen fremden Themen beitragen können.

Was haben wir nun von Scham und Blamage?

Wir lernen mehr voneinander kennen und erfahren mehr über die uns umgebenen Themen. Wir verstehen uns selber und andere besser. Werden somit bewusster und selbstbewusster. Zudem tragen wir aktiv zur Verbesserung unserer Umgebung bei. Wir geben ebenfalls schambesetzte Gesprächspartner die Chance sich stärker einzubringen und zu zeigen. Zudem entlarven wir Mitmenschen, die unsere Scham als Schwäche auslegen und rücksichtslos mit uns umgehen. Was wir dann tun sollten, ist ein anderes Thema. Aber immerhin sehen wir klarer.

Wenn wir uns zurücknehmen geben wir Verantwortung ab. Wollen wir das wirklich?

Wir sollten unsere Schubladen der Mäuschen und der egoistischen Arschlöcher öffnen und zum Hörer greifen, um mit Ihnen zu sprechen. Ihnen zuzuhören. Wir sollten andere über unser Schamgefühl informieren, damit auch deren Schubladen sich öffnen und wir neu einsortiert werden. Probieren Sie es zu Weihnachten mit Ihrer Familie aus und dann im neuen Jahr in Ihrem beruflichen Umfeld. Oder jetzt gleich. Viel erkenntnisreiche Freude dabei.

Inspiriert von folgendem Video:

Nutze in Gesprächen Dein Schamgefühl – ohne Dich zu blamieren

Inspiriert von folgendem Artikel: Angst vor einer Blamage

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Bildnachweis // Fotografin Heidi Abt, München