Wie gelingt die Moderation von sensiblen Themen?

Moderation sensible Themen
Die Moderation von sensiblen Themen ist nur bedingt voraussehbar. Es ist eine innere Haltung, die wir dazu entwickeln können.

Über 400 Kollegen eines Unternehmens sitzen im Saal und freuen sich auf die lang ersehnte Auftaktveranstaltung. Plötzlich macht eine neue Nachricht die Runde. Auf der Bühne bekomme ich zu diesem Zeitpunkt nicht viel mit. Ich befinde mich im Interview mit den Geschäftsführern. Die ersten Zuschauer verlassen aufgeregt den Saal. Es wird insgesamt unruhiger.

 

Emotionale Themen sind wie Sprengstoff, sie entfalten sich explosionsartig und sind nicht zu stoppen

Es gibt Veranstaltungen, da wissen wir vorab, dass es zu Tumulten kommen kann. Dass sich im Publikum Lager bilden und es Zwischenrufe gibt. Das ist dann der Normalfall. Gut durchdacht und stark strukturiert sind diese Diskussionsveranstaltungen gut zu meistern. Im schlimmsten Fall fliegt mal ein Ei oder eine Tomate.

 

Meistens trifft es einen total unvorbereitet – wie im richtigen Leben

Im Briefinggespräch mit Veranstaltern spreche ich auch über mögliche Fettnäpfe, politische und emotionale Themen. Davon will man nichts wissen. Verunsichert wird wieder auf die Kernthemen und Marketinginhalte umgeschwenkt.  Doch wenn einige hundert Menschen zusammenkommen, dann ist eines gewiss: Alle Zuschauer haben, einschließlich mir als Moderator-Mensch, ihre Erfahrungen mit emotionalen Schicksalsschlägen machen müssen. Als Betroffener oder Beteiligter. Insofern bin ich der Meinung, dass negativ besetzte und emotionale Themen überall ihren Platz haben und keinem akribisch aufgestellten Bühnenplan folgen.

 

Rücksichtslose Gäste treffen graue Mäuse mit brutaler rhetorischer Wucht

Häufig moderiere ich Veranstaltungen, die inhaltlich politisch oder für die Teilnehmer emotional eine Herausforderung sind. Im Rahmen von Bauprojekten geht es oft um den Verlust der eigenen Existenz, um die Angst vor schlaflosen Nächten. Überhaupt um Ängste. Schwieriger machen, es dann die Gäste im Publikum, die solche Art von Veranstaltungen als Bühne für ihren Narzissmus nutzen und die Protagonisten vorne auf der Bühne ganz bewusst vorführen wollen. Voller rhetorischer Wucht.

 

„Er kann sich nicht so freuen, da sich sein älterer Bruder das Leben genommen hat.“

Im Rahmen einer Preisverleihung bitte ich einen jugendlichen Gewinner auf die Bühne, dem ich voller Freude einen ersten Preis überreiche. Das Publikum applaudiert tosend und ich feiere den Gewinner. Laute Musik ertönt. Doch er ist nicht so begeistert. Ich frage also gut gelaunt und im Scherz gemeint, was mit ihm los ist, ob er den Preis nicht toll findet? Er antwortet: „Ich kann mich nicht so freuen, da sich mein älterer Bruder letzte Woche das Leben genommen hat.“

 

Atmen!

Atmen! – heißt meine Antwort, wenn mich Klienten fragen, was man macht, wenn man von der Seite erwischt wird. Bähm! Gewinnspiel und Selbstmord sind eine anspruchsvolle Mischung.

Das Publikum verstummt, die Hintergrundmusik wirkt plötzlich fehl am Platze. Ich nehme ihn in den Arm und sage, dass kein Preis der Welt ihn in dieser Situation trösten kann, dass wir dafür alle hier vollstes Verständnis haben. Zudem bedanke ich mich, dass er so offen ist und uns teilhaben lässt. Das ist der erste Schritt diesen schmerzhaften Verlust zu verarbeiten.

 

In Sekundenschnelle stehen wir auf der Bühne am Grab eines Zwanzigjährigen.

Der Moderator unter uns, denkt: OK, einigermaßen gut gehandhabt. In Sekundenschnelle steht man im Rahmen eines Gewinnspiels am Grab eines Zwanzigjährigen. Doch der Gewinner lässt uns weiterhin teilhaben. Und nun kommt der Moment, für den ich so dankbar bin: Er sagt: „Er sei so wütend auf seinen Bruder.“ – Ja, ich verstehe ihn gut, einfach so zu gehen, ist nicht fair und macht uns Hinterbliebene wütend. Er ist tot und wir müssen das jetzt mit allen Emotionen, die da kommen, verarbeiten und klarkommen. Ja, gar weiterleben. Er ist über meine Reaktion überrascht. Seine Eltern sind verständnislos. Auch das ist gut zu verstehen, denn seine Eltern haben ein ganz anderes Verhältnis zu seinem verstorbenen Bruder als er zu ihm.

 

Emotionale Momente in der Öffentlichkeit sind ein großes Geschenk

Ich merke, dass ich das Publikum langsam in die Überforderung bringe und meinen Bühnengast zudem vor zu viel Preisgabe von privaten Gefühlen schützen will. So etwas passiert in Millisekunden, hier im Text ist das etwas schwer zu schildern. Ich gebe ihm die Hand bedanke mich aufrichtig für seine offenen Worte und wünsche ihm und seiner Familie viel Kraft. Zeige dem Publikum, wie schnell wir in solche emotionalen Momente kommen können, und dass wir uns in solchen Fällen Hilfe holen sollen. Wir haben heute alle das Geschenk erhalten, Einblick in so eine private Situation zu bekommen. Nichts desto trotz gibt es jetzt noch einen zweiten und dritten Gewinner.

Im Nachgang fallen einem sicher noch viele andere Möglichkeiten ein, diese Momente in Worte zu fassen. Für mich ist der Lerneffekt, dass ich mich nicht auf alles vorbereiten kann und meine gute Erdung mich nicht umfallen lässt. In über 20 Jahren Bühnenerfahrung habe ich oft das Thema Tod oder Krankheit auf der Bühne zu Gast. Es erwischt einen immer überraschend, genauso wie beim eigenen Tod oder einer Krankheit. Das ist Live – das liebe ich.

 

Rote Köpfe bei den Zuschauern und Talk-Gästen – mein Sakko ist durchgeschwitzt

Im Rahmen eines überregionalen Bauprojektes lädt das Ministerium zu einer Diskussion ein. Eine Fahrt ins Ungewisse. Das muss allen Beteiligten klar sein.

Die Diskussion ist im vollen Gange, rote Köpfe im Publikum und auf der Bühne. Mein Jackett ist längst reif für die Reinigung. Ich bin hochkonzentriert dabei, bloß keine endlos-sinnlos-Diskussion aufkommen zu lassen. Mit drastischen Worten halte ich das Publikum davon ab sich zu bewaffnen und zum Kampf über zu gehen und beschwichtige die Profi-Politiker, die sich mittlerweile persönlich angegriffen fühlen.

 

Sie steht in der aufgebrachten Menge in einem roten Flokati-Pullover dazu passender Lippenstift

In der Aufregung fällt es mir schwer den Überblick zu behalten, doch in meiner Ausbildung zum Moderator riet uns ein Professor dazu, immer auch die schwachen Stimmen zu hören und auf graue Mäuse acht zu geben. Ich erblicke eine graue Maus im Publikum. Sie steht mitten in der aufgebrachten Menge in einem roten Flokati-Pullover dazu passender Lippenstift. Ihre schwarze Brille in der einen Hand, mit der anderen wischt sie sich ihre Tränen mit einem Taschentuch ab. Ich setze den Fokus auf sie. Sie kommt jetzt zu Wort. Sie ringt um Worte, hat Mühe zu sprechen. Der Saal war plötzlich still. Sie erzählt von ihrem Friseursalon, der kurz vor der Schließung steht. Ihre älteren Kunden mit dem Rollator können aufgrund der Baustelle den Laden nicht mehr erreichen. Die Friseurin steht für die direkt Betroffenen eines Bauprojektes, die schnell überhört werden. Die es neben Investoren, Haus- und Grundstücksbesitzern und Anwohnern häufig am härtesten trifft.

 

Gut vorbereitet sein – heißt in solchen Fällen auch konkret helfen zu können

Wer ein Bauprojekt mit wenig Blessuren überstehen will, der sollte sich im Vorfeld mit allen Betroffenen aktiv austauschen. Lange vor dem Planfeststellungsverfahren. Das Spiel mit offenen Karten kann sich sogar bei gerichtlichen Auseinandersetzungen auszahlen.

 

Manchmal ist die Wahrheit schwer zu ertragen, auch wenn Kollegen trösten wollen

Immer mehr Gäste verlassen den Saal. Das Interview mit den Geschäftsführern kürze ich ab. Ich eile zu meiner Kundin. Mit blassem Gesicht steht sie vor mir. Eine Kollegin wurde am Morgen in der Einfahrt ihres Hauses brutal niedergestochen. Sie war bereits auf dem Weg zur Veranstaltung. Ich nehme sie in den Arm.

 

Wir entschließen uns die dreitägige Veranstaltung, trotz des Schmerzes, weiter durchzuführen

Ich besorgte schnell ein Kondolenzbuch. Das Hotel baute einen Tisch mit einer Kerze auf. Wir gedenken der Kollegin an jedem Morgen und sprechen viel über unsere Emotionen.

 

Wir tragen Verantwortung für unsere Mitmenschen

Wie gehen wir mit sensiblen Themen um? In aller erster Linie menschlich und mitfühlend. Im zweiten Schritt mit klaren Antworten und Vorschlägen, die ehrlich sind. Das können aber auch mal ernüchternde und belastende Antworten sein: „Wir schließen den Standort hier.“ // „Vor Ihrer Haustür wird sechs Jahre lang eine Baugrube sein.“ – Hier gilt es Angebote zu machen, die Existenzängste der Betroffenen soweit wie möglich abfedern. Kein Veranstalter oder Projektleiter möchte, später am Grab eines Selbstmörders stehen, der keinen Ausweg mehr wusste. Wir haben da eine Verantwortung für die Menschen, die keine Worte mehr finden. Die Lauten treffen Sie sowieso munter auf der nächsten Veranstaltung wieder. Das ist ihr Geschäft. Und dann auch meins.

 

Der Text ist zu Ende. Hier eine Zugabe sozusagen:
Da wir oft über hohe Fluktuation auf dem Arbeitsmarkt sprechen – noch eine Situation

Ich moderiere einen internen Workshop. Das von mir und meiner Kollegin entworfene Format sieht im ersten Schritt vor, dass alle Mitarbeiter auf die Bühne kommen, um sich Luft zu machen. Alle Themen werden ohne Widerworte gehört. Nach einigen lauten Wortbeiträgen kommt ein junger Mann auf die Bühne. Er ist sichtlich aufgeregt, schwitzt ein wenig, er sagt, dass er es hier im Betrieb nicht mehr aushält und gekündigt hat. Es ist plötzlich ganz still im Saal, alle schauen fassungslos auf ihn. Mir schießen die Tränen in die Augen. Ich warte, wische mir die Tränen ab. Es ist immer noch still, er geht wortlos.

Ich danke ihm und bitte den nächsten auf die Bühne. Die Regeln besagen, dass wir nicht antworten. Jedem im Saal ist plötzlich klar, dass ihn keiner bat zu bleiben oder zumindest fragte, was er nicht aushält.

Ein Tag an dem ich viel über Stille gelernt habe und mich darin bestätigt fühle, Menschen zu Wort kommen zu lassen, die sonst nie öffentlich sprechen würden. Das ist mein Job.

 

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