Was macht ein Moderator in der Corona-Zeit?

Was macht Moderator Henning Harfst ind er Zeit von Corona

Ich bin traurig und versuche mich mit anderen Themen zu beschäftigen, denn wir Moderator*innen wissen aktuell nicht, ob wir je wieder so nachgefragt sind, dass sich die Tätigkeit hauptberuflich auszahlt und wir weiterhin davon leben können. Nie hätte ich es für möglich gehalten, dass mir das Veranstaltungsleben so fehlen wird. Die Coronazeit hat mich als Moderator in Frührente geschickt. Der Austausch mit unterschiedlichsten Charakteren aus gegensätzlichen Lebenswelten stillte stets meine unersättliche Neugierde. Klar, Bücher können ein Trostpflaster für diese Lücke sein, aber das Veranstaltungsleben und die Filmproduktion, die mich seit über 20 Jahren beruflich begleiten fehlen mir und das bereitet mir Herzschmerzen.

Das Lampenfieber bleibt derzeit aus

Jede Woche bin ich an einem anderen Ort, schlafe in einem anderen Bett und befasse mich mit neuen Inhalten. Es sind die unterhaltsamen, informativen oder aufklärenden Formate mit bewegenden Gästen und überraschenden Perspektivwechseln, die mich fortwährend begleiten, den Adrenalinpegel oben halten, damit ich mich einige Wochen später erschöpft und voller neuer Energie und neuer Impulse zur erholsamen Wanderung in den Wald aufmachen kann. Seit März 2020 bin ich öfter im Wald und in den Bergen und so gut wie gar nicht mehr auf den Bühnen des Landes. Im August 2020 brach mir auf einer coronakonformen Veranstaltung mit Live-Publikum, auf der Bühne überraschend die Stimme weg, es sind die stillen Momente, die am intensivsten sind.

Wir haben sicher mehr als nur ein Talent – nun ist die Zeit für Neues angebrochen

Ich sitze am Bildschirm und telefoniere mit Kollegen, Kunden und Dienstleistern, die anfänglich lähmende Wut hat sich gelegt, viele versuchen zu überleben und sich neu auszuprobieren. Das ist ein wirklich kreativer Prozess, der auch mir Lebensfreude und Zuversicht zurückbringt. Messeveranstalter vermieten ihre Hallen an Schulen oder die IHK. Mancherorts beherbergen die Hallen eine provisorische Intensivstation oder ein Impfzentrum. Meine Kolleg*innen besinnen sich auf ihr zweites und drittes Standbein und schlagen sich mit Onlinekonferenzen durch. Mich erfüllt aktuell das Online-Coaching. Nie hätte ich es für möglich gehalten, dass diese oft auch körperliche Arbeit im Videostream so gut funktioniert. Auch über das Videotelefonat kommt es im Vergleich zum klassischen Vor-Ort-Coaching zu Gefühlsübertragungen und intensiver Resonanz. Die Klienten sind dankbar für die neuen Impulse, die ihnen das berufliche und private Miteinander erleichtern. Andersherum bleibe ich am Puls des Berufslebens und erfahre viel über die derzeitigen Veränderungen der Arbeitsstrukturen und Tücken der Organisationsformen.

Zum beruflichen Wandel fügt sich unbemerkt der persönliche Wandel hinzu

Den Führungskräften oder auch Privatpersonen, die mich aktuell um Unterstützung bei der Umsetzung von neuen Strukturen oder mich um Entlastung im beruflichen Umfeld bitte wird oftmals in den ersten Kontakten klar, dass das private Umfeld viel stärker unterstützende Strukturen benötigt, als der Umbau der Abteilung in der Firma. Es fehlt an Unterstützern und Praxis-Tipps im Privaten. Hinzu kommt die seelische Belastung, mit der jeder auf seine eigene Weise fertig werden möchte und natürlich auch muss.

Die Kommunikation untereinander beschränkt sich oft auf das Nötigste

Der informelle Austausch mit den Kolleg*innen fehlt und wird online nicht fortgeführt. Häufig wird es einfach schlichtweg vergessen, sich bei seinem Team privat zu melden. Natürlich ist es für viele anstrengend auch noch nach Feierabend am Bildschirm zu kleben. Es kann aber auch entlastend sein, sich mit Kolleginnen auszutauschen, gemeinsam über Videotelefonie zu kochen oder zu backen oder einen Abend zu verbringen. Es gibt sogar Kollegen, die spielen online Karten zusammen. Immer wieder bin ich überrascht über die vielen Online-Formate, die sich die Menschen einfallen lassen.

Wir erobern unser Leben zurück, aus der Lähmung in die Aktivität

Es gibt gute und schlechte Tage, bei einigen sind es auch ganze Wochen, in denen sie sich zurückziehen. Ich finde, es bedarf keiner weiteren Erklärung. Es ist angenehm, wenn die Freunde da verständnisvoll sind und das nachvollziehen können, dass es Ruhepausen braucht. Genauso braucht es aktive Gesprächsangebote und Austausch. Der Vorwurf: „Der meldet sich nie bei mir.“ – darf nicht gelten gelassen werden. Wir sollten immer wieder aufeinander zugehen und uns austauschen und auch andere Meinungen zur politischen Situation zulassen. Jeder geht anders mit seinen Gedanken um, jeder liest andere Quellen und setzt es für sich um. So wie jeder von sich aus sagt, dass er größtmöglich aufpasst und mit niemandem Kontakt hat. Ja klar und das Virus wird vom Storch gebracht.

Es sind die unterschiedlichen Meinungen und Überlegungen, die uns ausmachen

Selbstredend, dass ich hier nicht diffamierende oder radikale Äußerungen meine, nur der Vollständigkeit halber. Ich lade dazu ein, nicht gleich jeden andersartig Denkenden zu ignorieren. Hört euch die Geschichte dahinter an. Lasst die Geschichten und Lebensrealitäten wirken, auch wenn es manchmal unbequem für einen ist. Nur so gelingt es uns aufeinander zuzugehen.

„Etwas im menschlichen Geist strebt nach Bewegung, nicht nach Stillstand.“

Sagt die Heldin im preisgekröntem Film „Nomadland“. Wir bleiben in Bewegung, im Kopf und auch physisch. In jedem längeren Gespräch finde ich die Nadel im Heuhaufen, es ist bei meinen Gesprächspartner*innen immer etwas in Bewegung. Das sollten wir uns genauer anschauen, daraus lernen und es thematisieren. Das ist mein persönliches Geschenk in der Pandemie, diese unermüdliche Zuversicht und Hoffnung und die Begeisterungsfähigkeit bei Kleinigkeiten, die wir bewältigen. Jeder in seinem Tempo. In jedem Gespräch versuche ich aufzuzeigen, dass wir derzeit viel Kraft und Zeit für unsere Widerstandskraft aufwenden. Das passiert im Verborgenen, wenn wir diesem Prozess keine Beachtung schenken.

Nimm dir die Zeit und achte auf die kleinen Veränderungen

In Online-Meetups tausche ich mich derzeit mit Kollegen aus, die ich nie zuvor getroffen hätte und beschäftige mich mit Themen, die vielleicht erst später in mein Leben gekreuzt hätten. So weicht die Trauer über das Auftrittsverbot der Zuversicht und den neuen Perspektiven, die ich auf meine neue Art der Arbeit bekomme und natürlich freue ich mich riesig darauf diese neuen Erfahrungen ins Leben und auf die Bühne zu bringen. Und dann sind es Freudentränen, die wir miteinander teilen. Wann es so weit ist, wird sich noch zeigen. Wir fahren auf Sicht und sehen uns sicher bald wieder, bis dann, Henning

Weitere Impulse gibt es in meinem Blogbeitrag zum Thema: Wenn wir auf Nummer sicher gehen wollen, floppt unser Rahmenprogramm

Inspiriert wurde dieser Beitrag von:

#AlarmstufeRot

Ohne Planungssicherheit fällt die Veranstaltungswirtschaft – und wir alle!

#moderator #Online-Moderation #corona #kommunikation #Resilienz

Bildnachweis: Danke an Fotografin Heidi Abt, München